Und: Was können wir dagegen tun?
DK162 - Wie die Klimakrise Konflikte verstärken kann
Und: Was können wir dagegen tun?
"Das Klima”, der Podcast zur Wissenschaft hinter der Krise. Wir lasen den sechsten Bericht des Weltklimarats und erklären den aktuellen Stand der Klimaforschung.
In Folge 162 geht es um den Zusammenhang zwischen Klima und Konflikten? Kann die Klimakrise Konflikte auslösen, und wenn ja: Wie? Und vor allem: Was können wir dagegen unternehmen? Das hat sich die Wissenschaft anhand historischer Daten aus Europa angesehen.
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Klima, Wetter und Konflikte
Wetter begleitet uns jeden Tag. Und Konflikte irgendwie auch. Die Klimakrise verändert das Wetter – also drängt sich eine große Frage auf: Was bedeutet das für gesellschaftliche Spannungen und politische Konflikte?
Das hat die Arbeit mit dem Titel „A climate of conflict: How the Little Ice Age sparked rebellions and revolutions across Europe“ untersicht. Sie beschäftigt sich nicht mit Gegenwart oder Zukunft, sondern mit der Vergangenheit.
Im Zentrum der Studie steht die sogenannte Kleine Eiszeit. Wie lange diese Phase genau dauerte, ist in der Forschung umstritten; die Autor*innen datieren sie grob auf den Zeitraum von etwa 1250 bis 1860. Es war eine Epoche, die insgesamt kühler und trockener war als die Jahrhunderte davor und danach – aber vor allem war sie geprägt von extremen Schwankungen. Die Kleine Eiszeit war also keine gleichmäßige Abkühlung, sondern eine Zeit voller klimatischer Unberechenbarkeit.
Historikerinnen und Klimaforscherinnen beschäftigen sich schon lange mit der Frage, wie Umweltbedingungen den Verlauf der Geschichte beeinflussen - siehe dazu das Buch “Wie das Wetter Geschichte macht: Katastrophen und Klimawandel von der Antike bis heute”. Dürreperioden, extreme Kälte, Missernten – all das kann Gesellschaften destabilisieren. Klima ist dabei kein isolierter Schicksalsfaktor, aber es kann ein Katalysator für Krisen sein.
Ein Beispiel liefern die Autor*innen gleich in der Einleitung: die Französische Revolution. Bereits um 1770 erlebte Europa eine besonders kalte Phase, die der Landwirtschaft schwer zusetzte. In Frankreich kam es 1775 zu Getreidemangel infolge mehrerer schlechter Ernten, Unruhen brachen aus. 1783 verschärfte der Ausbruch des isländischen Vulkans Laki die Lage zusätzlich: Das Wetter in Nordeuropa spielte verrückt – ein extrem heißer Sommer mit Gewittern und Hagel, gefolgt von einem sehr harten Winter, dann wieder Überschwemmungen durch rasche Schneeschmelze. In den folgenden Jahren reihten sich Wetterextreme aneinander. Hunger, Armut und Stress nahmen zu, während Frankreich gleichzeitig in eine Finanzkrise rutschte. 1788 folgten eine extreme Dürre und ein bis dahin beispielloser Hagelsturm; die Getreidepreise explodierten, viele Menschen mussten ihr gesamtes Einkommen für Brot ausgeben. Der Winter 1788/89 war einer der kältesten überhaupt – und im Sommer 1789 kam es schließlich zum Sturm auf die Bastille.
Hat also das Klima die Französische Revolution ausgelöst? So einfach ist es nicht. Und genau hier setzt die Studie an: Sie versucht, den Zusammenhang systematisch zu untersuchen. Dazu stellten die Forschenden eine historische Datenbank mit 140 dokumentierten Rebellionen und Revolutionen in Europa, Russland und dem Osmanischen Reich zusammen, für den Zeitraum von 1570 bis 1860, in dem die Quellenlage besonders gut ist. Diese Daten kombinierten sie mit Klimarekonstruktionen (Temperatur aus Baumringen, Niederschlagsdaten, Dürreindizes), Informationen zur Sonnenaktivität, Daten zu vulkanischer Aktivität sowie historischen Getreidepreisen. Mithilfe statistischer Methoden analysierten sie dann die Zusammenhänge.
Das Ergebnis: Besonders kalte Phasen gingen mit einer deutlich höheren Konfliktdichte einher. Auch geringe Niederschläge und starke Dürre korrelieren mit mehr Konflikten, wenn auch etwas schwächer. Sehr deutlich ist der Zusammenhang bei den Getreidepreisen: Steigen die Preise stark, nehmen soziale Unruhen signifikant zu. Phasen, in denen mehrere Belastungen zusammenkamen – kalt, trocken, geringe Sonnenaktivität, hohe Preise – decken sich zeitlich mit den höchsten Peaks an Rebellionen und Revolutionen. Der stärkste dieser Peaks liegt zwischen 1775 und 1845, mit bis zu 1,4 Konflikten pro Jahr. Auch Phasen intensiver vulkanischer Aktivität, erkennbar an erhöhten Sulfat- und SO₂-Konzentrationen, fallen auffällig oft mit Konfliktspitzen zusammen.
Was folgt daraus? Erstens: Klima entscheidet nicht, ob Konflikte entstehen, sondern wie häufig und wie heftig sie eskalieren. Zweitens: Klimaveränderungen können Gesellschaften destabilisieren – vor allem dann, wenn ihre Anpassungsfähigkeit begrenzt ist. Drittens zeigt die Analyse einen zentralen Vermittlungsmechanismus: Mangelernährung. Klimastress führt zu schlechten Ernten, diese zu steigenden Preisen, Hunger und einer geschwächten Bevölkerung. Dadurch sinkt die gesellschaftliche Resilienz, Frustration und Wut nehmen zu. Hungersnöte sind dabei jedoch keine zwangsläufige Folge des Klimas, sondern entstehen oft durch institutionelles Versagen: schlechte Krisenpolitik, ungerechte Verteilung, fehlende soziale Sicherung. Der Druck kommt vom Klima – das Ausmaß der Katastrophe wird politisch mitbestimmt.
Die Studie zeigt auch, dass es anders gehen kann. England etwa schnitt in vielen Krisenphasen besser ab – unter anderem durch frühe politische Reformen, Innovationen in Landwirtschaft und Industrie sowie durch koloniale Strukturen, die als eine Art soziales und demografisches Sicherheitsventil wirkten.
Und was heißt das für uns heute? Klima ist eine ernsthafte Herausforderung für gesellschaftliche Stabilität. Aber wir sind ihr nicht hilflos ausgeliefert. Resiliente Landwirtschaft, funktionierende Gesundheitssysteme, soziale Absicherung und eine vorausschauende Politik können die negativen Folgen erheblich abfedern.
Oder, wie es die Autor*innen selbst formulieren: ”Die Kleine Eiszeit wirkt wie ein Weckruf. Sie zeigt, wie unzureichende Anpassung an klimatische Unsicherheit und das Versäumnis, die Folgen des Klimawandels abzumildern, zu Aufständen gegen staatliche Autoritäten führen können.”
Bücher
Das neue Buch von Florian heißt “Die Farben des Universums”, erscheint im Februar 2026 und kann schon vorbestellt werden.
Das neue Buch der Science Buster heißt "AUS! - Die Wissenschaft vom Ende" und erscheint im Hanser Verlag. Tickets und Infos für die Live Show gibt es unter sciencebusters.at
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