S2 Folge 6: Von schlafenden Riesen und der Macht der Demütigung
JUN 22, 202640 MIN
S2 Folge 6: Von schlafenden Riesen und der Macht der Demütigung
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Description
In dieser Folge von Bad News & Good News sprechen Michael Schellberg und Ralph Sina bei hochsommerlichen Temperaturen über schlafende Riesen – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.Ralph berichtet zunächst von seinem Besuch in Lichtenau bei Paderborn. Auf der Paderborner Hochebene gibt es eine hohe Konzentration von Windrädern, deren Strom bei Spitzenlast oft nicht ins Netz eingespeist werden kann und deren Betreiber dafür mit Steuergeldern kompensiert werden. In Lichtenau soll daraus künftig grüner Wasserstoff produziert werden – gespeichert im „Schlafenden Riesen", einem sechs Kilometer langen, ungenutzten Erdgasrohr. Anlass für den Besuch ist Ralphs Vortrag bei der Wasserstoff-Konferenz der Wasserstoff-Region Rhein-Ruhr am 24. Juni in Berlin.Vom schlafenden Riesen Wasserstoff führt das Gespräch zum schlafenden Riesen Europa. Ralph erinnert sich an seine Brüsseler Korrespondentenzeit und an die Iran-Atomverhandlungen 2014/2015. Damals handelte die EU-Chefdiplomatin Helga Maria Schmid den Vertrag federführend aus – Seite für Seite, mit Atomphysikern der IAEA in Wien, im Pendelverkehr zwischen Peking, Moskau, Teheran, Berlin, Paris und London. Heute spielt die EU bei vergleichbaren Verhandlungen praktisch keine Rolle mehr; vermittelt wird über Pakistan und die Türkei, unterzeichnet wurde zuletzt in Versailles – und statt Spitzendiplomat:innen verhandeln Spitzenpolitiker wie J. D. Vance.Daran anschließend diskutieren die beiden das Motiv der Demütigung in der Politik: Trumps Obama-Komplex seit dem Correspondents' Dinner 2011, Putins Reaktion auf Obamas „Regionalmacht"-Etikett sowie das Selbstverständnis von EU-Beamten, die sich von fossilen Konzernen wie Exxon intellektuell hintergangen fühlten – ein Motiv, das in den Green Deal mit eingeflossen ist.Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Wirtschaftsethik. Schellberg, im Hauptamt für die Hamburger Stiftung für Wirtschaftsethik tätig, beschreibt das Spannungsverhältnis zwischen ökonomischer Stärke und ethischem Anspruch: Universelle Standards lassen sich nur durchsetzen, wenn die eigene wirtschaftliche Position dafür Gewicht hat. Sina ergänzt mit Beispielen aus seiner Afrika-Zeit, etwa zur Kinderarbeit, und stellt die Frage, ob CO₂-Bepreisung, Lieferkettenpflichten und ähnliche Auflagen im aktuellen geopolitischen Umfeld noch tragen oder die EU im Wettbewerb mit China schwächen. Schellberg hält dagegen, dass Wirtschaft ohne politische Rahmensetzung nicht auskommt – entscheidend sei am Ende die Wirksamkeit, nicht die reine Gesinnung.Zum Schluss ein Paradox: Mit „Drill, Baby, Drill" und der Eskalation am Persischen Golf wird ausgerechnet Donald Trump zum unfreiwilligen Werbeträger für Wasserstoff, Resilienz und erneuerbare Energien.Eine Folge über Energie, Diplomatie, die Psychologie der Macht – und die Frage, warum Riesen oft erst dann erwachen, wenn es fast zu spät ist.